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Inflation der Metasucher, 8.2.99

Dr. Detlev Kalb:

Man kann in der Tat mit einiger Berechtigung von einer Inflation der Metasuchmaschinen sprechen. Allein in den letzten Wochen des alten und den paar ersten des Neuen Jahres sind vier Metasucher in den deutschen Markt gedrückt worden (http://www.suchen.com, http://www.in2.nu, http://www.multimeta.com und - als neue Zusatzfunktion - http://www.ins-netz.de), und ich weiss, dass in diversen Entwicklerbuden an weiteren gebastelt wird.

Ich führe diesen Trend einmal auf die heftigen Medienreaktionen im Anschluss an die Veröffentlichung der Lawrence/Giles-Studie zurueck. Lawrence und Giles, zwei Forscher vom NEC Research Institute, hatten bekanntlich herausgefunden, dass nur rund ein Drittel aller - vermutlich - vorhandenen Webseiten von den grossen Suchmaschinen nachgewiesen wird. (Erfahrene Netheads halten diesen Befund eher für eine - wenn nun auch empirisch substantiierte - Binse ;-) Diese wurde aber nachgerade begierig von der Presse aufgegriffen, um dann als Problemlösung die verstärkte Nutzung von Metasuchmaschinen zu empfehlen. Es entstand also ein Metasuchmaschinen begünstigendes Meinungsklima, dass den einen oder anderen in dem Glauben bestärkt haben mag, hier sei noch eine Bonanza anzugraben, und das mit minimalem Einsatz. Während eine Suchmaschine in der Groessenordnung von Fireball mit den in dieser Schiessklasse üblichen Funktionen jährlich siebenstellige Investitionen und noch mal den selben Betrag zur Deckung der laufenden Kosten erfordert, ist der Aufwand zur Herstellung und zum Betrieb einer Metasuchmaschine vergleichsweise gering. Die nötige Software, die ja im wesentlichen nur aus einem mehr oder weniger intelligenten Interface zur Abfrage der originären Suchmaschinen sowie einigen Algorithmen zum Abgleich und zur Sortierung der erhaltenen Ergebnisse und einem Parser für deren Re-Layout besteht, ist von einem einigermassen talentierten Programmierer schnell geschrieben. Das Ganze kommt dann auf einen etwas besser ausgestatteten PC unter Linux mit einer performanten Netzanbindung. Verzichtet man dann noch auf ein eigenes Anzeigenschaltsystem und lässt sich statt dessen von externen Ad-Servern beliefern, kann man die Anwendung bequem vom Wohnzimmer aus betreiben.

Der relativ geringe Aufwand fuer Herstellung und Betrieb von Metasuchmaschinen basiert letztlich darauf, dass wesentliche, für das Funktionieren des Systems unabdingbare, Voraussetzungen wie kontinuierliches Spidern von Webdokumenten und Aufbau und Pflege gigabytegrosser Suchindizes von anderen geschaffen werden, nämlich den originären Suchmaschinen. Diese Leistungen eignen sich Metasuchmaschinen an, und zwar gewöhnlich in parasitärer Form , da sie dies überwiegend ohne explizite Einwilligung der originären Suchmaschinen und ohne Kompensation derselben tun. Das stellt aber eine eklatante Verletzung gleich mehrerer deutscher Rechtsbestimmungen dar. So gelten die von den originären Suchmaschinen mit erheblichen Investitionen aufgebauten und unterhaltenen Webindizes oder Webkataloge als urheberrechtlich geschützte Datenbanken im Sinne des § 87a UrhG. Der Zugriff auf diese Datenbestaende über andere als von den Datenbankherstellern dafür bereitgestellten Interfaces (die üblichen personenbezogenen Suchmasken) und zu anderen als von diesen vorgesehenen Zwecken (persönliche Information der Nutzer) bedarf deshalb zwingend der Einwilligung der Urheberberechtigten (§ 87b UrhG), die natürlich auch versagt werden kann. Da Metasuchmaschinen mit ihren Diensten gewöhnlich eigene kommerzielle Zwecke verfolgen, werden regelmässig auch wettbewerbsrechtliche Bestimmungen verletzt, wenn sie dies ohne Einwilligung und Kompensation der Urheberberechtigten tun. Dadurch entsteht den Betreibern der originären Suchmaschinen ein quantifizierbarer materieller Schaden, insbesondere auch durch die übliche Praxis der Metasuchdienste, die in den Originalseiten eingebundenen Anzeigen zu unterdrücken und durch eigene zu ersetzen.

Betreiber von Metasuchmaschinen argumentieren nun häufig, die von ihnen geübte Praxis sei im Web gang und gäbe. Daran ist richtig, dass die offensichtlichen Rechtsverletzungen von den meisten originären Suchmaschinen bislang eher dilatorisch behandelt und nicht verfolgt wurden, vermutlich eine Reminiszenz aus der Frühzeit des Webs, als noch alles erlaubt und jeder mit jedem befreundet war. Ich wage aber zu prognostizieren, dass die Inflation der Metasucher hier recht schnell zu einer Begradigung der Front führen wird, und dass die Betreiber der primaeren Suchdienste ihre berechtigten Interessen künftig verstärkt wahrnehmen und durchsetzen werden. Den Betreibern von Metasuchmaschinen und solchen, die es werden wollen, ist deshalb zu raten, in ihre Kalkulationen rechtzeitig einzubeziehen, dass sie nur mit Einwilligung der Urheberberechtigten handeln dürfen, und dass sie für diese Einwilligung in den meisten Fällen zahlen werden müssen.

Dr. Detlev Kalb

Projektleiter FIREBALL/PAPERBALL

http://www.fireball.de

http://www.paperball.de

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